18. 08. 2021

App-Review: HC&ME App der Christoph Miethke GmbH & Co. KG.

Im täglichen Arbeitsalltag bei D-LABS ist es unsere Kernaufgabe nutzerzentrierte Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen zu ermöglichen und für alle Beteiligten zu vereinfachen. Dazu zählt oft, der Blick über den sprichwörtlichen Tellerrand. Außerhalb unserer Projektarbeit beschäftigen wir uns mit Apps die uns irgendwie in die Hände fallen und sehen sie uns genauer an.
Miethke ist der neue Hauptsponsor des SV Babelsberg 03, ein 4. Liga Verein aus der Region. Als Ehrenamtlicher Mitarbeiter und langjähriger Fan habe ich mir die Firma genauer angesehen.
Die Christoph Miethke GmbH & Co. KG ist ein Potsdamer Medizintechnikunternehmen, das innovative neurochirurgische Implantate für Hydrocephalus-Patientinnen und Patienten entwickelt. Hydrocephalus beschreibt das Phänomen, wenn es, durch verschiedene mögliche Umstände, zu einem erhöhtem Hirndruck kommt.
Neben ihren Produkten bietet das Unternehmen zusätzlich “Apps und digitale Anwendungen“ an. Patientinnen und Patienten können damit ihren Krankheitsverlauf dokumentieren und ihre Symptome besser deuten lernen.

“Die HC&ME App ist ein digitales Hydrocephalus-Tagebuch, mit dem Sie Ihr Leben mit Hydrocephalus und den Alltag mit Shunt umfangreich dokumentieren können.”
https://www.miethke.com/produkte/miethke-apps/hc-me

Dem Unternehmen nach, soll die App zwei Hauptaufgaben erfüllen. Auf der einen Seite das Tracking im Hydrocephalus-Tagebuch zur Dokumentation von Wohlbefinden, Symptomen und Aktivitäten zu verschiedenen Tageszeiten. Auf der anderen Seite sind es die Daten, die der Wissenschaft dazu dienen soll, bessere Therapieformen und Geräte zu entwickeln:

“Schaut man aber Richtung Wissenschaft, ist noch Einiges zu tun: Es gibt keine großen Datenanalysen, die ein einheitliches Gesamtbild für die Pathophysiologie oder Therapie des HC liefern. Insbesondere die Frage nach den Faktoren, die HC-Patient*innen im Alltag positiv oder negativ beeinflussen, ist kaum untersucht.”

HC&ME App

Mit ~120MB ist die App relativ schwer, für das was sie bietet. Im App Store gibt insgesamt 6 Bewertungen, alle mit voller Sternanzahl. Ähnlich sieht es im Play Store aus. Die Android Version dieser App ist hier ~80MB schwer und ebenfalls wie auf dem iPhone nur in deutscher Sprache verfügbar. Sie ist auf beiden Plattformen seit Mai 2020 verfügbar und hat, wenn man dem Play Store Glauben schenken darf, irgendwas um 100+ Installationen.
Der Name der App wirkt auf mich etwas sperrig. Sie hat einen wissenschaftlichen Anspruch und diese Abkürzungen mögen in diesem Kontext ihren Zweck erfüllen. Am Ende sind es aber Menschen, die versuchen eine passende App zu finden. Das machen sie oft auch über die Suche im jeweiligen Store. Da kann es schon vorkommen, dass man unter dem Begriff “Hydrocephalus” erst an Stelle Acht, sogar erst nach einer Dating App, gefunden wird.

appstore

Nach der erfolgreichen Installation findet man ein neues App Icon mit einem weißen Kopf auf blauem Hintergrund auf dem Homescreen. In diesem Kopf ist eine für mich als Laie unkenntliche Illustrierung zu sehen. Menschen, die mit Hydrocephalus zu tun haben, erkennen diese Abstrahierung evtl. also solche und können es entsprechend zuordnen. Das kann ich an dieser Stelle nicht werten.

Das Onboarding neuer Nutzerinnen und Nutzer

Das erste Öffnen der App wird mit einer kurzen Einführung begleitet. Sie gibt Hinweise darauf, was die App für die Nutzerinnen und Nutzer leisten kann und warum es sinnvoll ist, sie zu nutzen. Anschließend wird man über den Datenschutz aufgeklärt. Nach dem Häkchen bei “Einverstanden” gelangt man zu einem Screen mit viel Text. Sehr viel Text. Nach ~2 Sekunden auf diesem Screen erscheint ein Hinweis, der darüber aufklärt, dass meine Daten zurzeit nicht der Forschung zur Verfügung stehen.

forschung

Bereits beim Starten der App steht sie auf dem Prüfstand. Nachfolgend eine kurze Analyse des Onboarding-Prozesses und die ggf. daraus resultierenden Probleme bei der Nutzung.
Text ist in der Entwicklung von Apps immer eine Herausforderung. Insbesondere wenn es größere Textmengen sind, kann es schnell zu einer Übersättigung kommen. Es gilt, Text nur wenn er notwendig ist und auch dann nur in kurzen, prägnanten Segmenten. Anhand des Beispiels des Onboarding-Screens der HC&ME App wäre vermutlich ein besserer Schritt gewesen, den Text auf das Wesentliche zu kürzen. In meinen Augen ist die wichtige Aussage hier: “Diese App speichert und sendet meine Daten zu Forschungszwecken an Miethke”.
Damit kann ich einverstanden sein oder nicht. Wenn ich mehr Informationen dazu benötige, kann ich bei Bedarf tiefer einsteigen. Dazu könnte man an geeigneter Stelle Details aufklappen.
Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, werde ich am Ende mit zwei Optionen in Form von Buttons konfrontiert. Links: “Forschung nicht unterstützen” und rechts: “Einverstanden”. Die Bezeichnung des ersten Buttons ist nicht gut gelungen. Er ist vorwurfsvoll formuliert, verallgemeinert und manipuliert die Benutzer. Besser wäre gewesen, “Ablehnen” oder “Nicht einverstanden” zu benutzen. Man erhöht die Anzahl von Benutzern, die bereit sind Forschungsdaten zu senden, nicht in dem man sie versucht zu verunsichern. Im schlimmsten Fall hinterlässt das einen bleibenden Nachgeschmack und die App verliert ihren professionellen Ausdruck.

sperrcode

Im nächsten Schritt hat man die Möglichkeit einen Sperrcode für sein Tagebuch anzulegen. An dieser Stelle ist bei mir auch schon leider das Ende erreicht. Mit einem iPhone 12 und dem aktuellen Betriebssystem bleibe ich auf diesem Screen hängen. Ich habe meinen Sperrcode eingegeben und es geht an dieser Stelle nicht vor und nicht zurück. Nur durch Neustart der App kann ich sie wieder nutzen. Ohne einen Sperrcode anzulegen, gelange ich in den Hauptbereich der App.

app01

Zumindest ist man vom Hauptteil der App nur noch einen Klick entfernt. Hier wird man von einem Overlay zur Bedienung der App begrüßt. Das ist an sich gut und richtig, nur in der Ausführung etwas umständlich. Die gewählte Schriftart lässt sich nicht gut lesen und der Button, am oberen Rand der App, ist mit einem “i” wie Info gekennzeichnet. Kennzeichnung und Position entsprechen nicht dem iOS Standard.

Informationsarchitektur

Das untere Hauptmenü verrät die wichtigsten Segmente der App. Hier findet man (der Reihe nach) Profil, Tagebuch, Übersicht, Kalender und Mehr. Es ist mittlerweile unüblich das Profil als ein Hauptmenüpunkt zu betrachten und in der Menüleiste zu verorten. Zudem widerspricht der Menüpunkt “Mehr” den iOS Standards in der aktuellen Version.
Sofort fällt auf, dass für die Navigation in dieser App ausschließlich die Tab Bar genutzt wird. Eine Navigation Bar, wie sie in den Human Interface Guidelines von Apple beschrieben wird, findet hier keine Anwendung. Mit einem Blick auf die bestehende Informationsarchitektur dieser App würde sie jedoch in den nächsten Entwicklungsschritten ein wichtiges Segment für die Navigation werden müssen.
Wenn wir an dieser Stelle “Profil” und “Mehr” einmal ausklammern, bleiben noch die Navigationspunkte “Tagebuch”, “Übersicht” und “Kalender” bestehen. Als Menüpunkte in der ersten Ebene haben sie zweifelsohne ihre Daseinsberechtigung. Klickt man sich durch diese, fällt auf, dass eine Trennung zwischen Übersicht und Kalender jedoch nicht unbedingt notwendig erscheint. Meine Empfehlung an dieser Stelle ist, “Übersicht” und “Kalender” miteinander zu kombinieren. Kalender ist ja bereits eine Art (zeitliche) Übersicht. Eine Möglichkeit wäre es den Kalender entsprechend so zu gestalten, dass man daraus eine erste Übersicht erhält. Das wird schon sehr erfolgreich so gemacht. In diversen Mood Apps werden Kalender gemeinhin dazu genutzt, um einen Einstieg in die Übersicht zu bieten. Auch beim Fitness/Activity Tracking wird diese Art und Weise der Darstellung gerne genutzt.

ui

UI

In der Ausgestaltung der App sind viele grundsätzliche Herausforderungen zu erkennen. Farbliche Kodierungen überlagern sich, Schrift ist stellenweise zu klein, Icons stammen nicht aus einer einheitlichen Icon-Familie und die Kombination aus flachem Kontrast und Schattenelementen macht die gesamte Oberfläche sehr unruhig. Aber von vorn:
Ein wichtiges Segment, welches beim App Review nicht fehlen darf, ist der Graustufen Test. Ich verwende dabei die Farbfilterfunktion von iOS und stelle damit das iPhone komplett auf grau um.

grau

Icons und Schriften weisen zu wenig Gesamtkontrast auf und könnten bei Menschen mit Sehbeeinträchtigungen zu Problemen führen. Wichtige Schriftelemente sind, neben der Größe der Schrift, durch ihre graue Farbe zu kontrastarm. Die Linien der Illustrationen in den Icons sind sehr dünn und brechen bei höherer Auflösung auf.
Schalten wir die Farben wieder an, bemerken wir eine farbliche Kodierung. Aus der App direkt pipettiert ergibt sich folgende Farbpalette:

colors

Ein einheitliches System, welches die Informationsebene von der Navigationsebene unterscheidet, scheint es nicht zu geben. (Wenn es ein solches System gibt, kann ich es nicht ausmachen). Zu dem Farbenwirrwarr gesellen sich die Formen dazu. Es gibt keine konkrete Formsprache. Für den Symptomverlauf werden Linien mit Farbverlauf genutzt und Aktivitäten werden durch Kreise deutlich. Die verschiedenen Tageszeiten werden durch Icons gekennzeichnet, an welcher Stelle simpler Text besser gewesen wäre.

Meta

Die App bietet, zumindest in der Theorie, die Möglichkeit die eigenen Daten zu exportieren. Dabei wählt man einen Zeitraum und kann zwischen den Formaten CSV und PDF wählen. Das finde ich sehr praktisch. Es gibt sicher auch Nutzerinnen und Nutzer, die eigene Analysen anstellen oder etwa medizinisches Personal, welches besser mit Rohdaten arbeiten kann. Leider geht das nur über eine Mailschnittstelle aus der App heraus. Man speichert also nicht die Daten, sondern initiiert einen Handoff zwischen App und dem installierten Mail Client auf dem Smartphone. Wenn dieser nicht installiert ist, wird der Vorgang abgebrochen und man kann die Daten nicht speichern. Damit bewegt man sich in eine Sackgasse. Es ist keine Seltenheit, dass Nutzerinnen und Nutzer von Smartphones den Mail Client nicht nutzen und stattdessen über Webinterfaces ihre Mails abrufen und verschicken.

mail

Zudem ist diese App bisher nur auf Deutsch verfügbar. (Stand: 9. August 2021) Sie würde mitunter einen größeren Benutzerkreis bedienen, wäre sie auch auf anderen Sprachen verfügbar. Gerade hinsichtlich der dadurch entstehenden Daten für die Forschung wäre eine größere Gruppe von Nutzerinnen und Nutzer sicher wünschenswert.

Zusammenfassung

Dieser Review bietet einen kurzen Einblick in die Bedienbarkeit der HC&ME App von der Firma Miethke. Ich habe mir genauer angesehen, wie das Onboarding der Nutzerinnen und Nutzer abläuft, bin in die Informationsarchitektur eingestiegen und habe zusätzlich das UI analysiert. Möchte man die App in Zukunft weiterentwickeln wären die sogenannten Low-Hanging-Fruits (also schnelle Änderungen die viel bewirken können) wie beispielsweise eine vereinfachte Informationsarchitektur und UI Änderungen in UX Writing, Farben und Schrift.
Ich finde es toll, dass ein Hersteller von medizinischen Geräten eine App entwickelt, die einerseits Menschen hilft und andererseits wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung ihrer Geräte liefert. Diese Initiative ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Nach etwas mehr als einem Jahr seit der Veröffentlichung hat die App einen guten Start hingelegt. Jetzt gilt es durch die Brille des Nutzers zu schauen und die App schrittweise zu verbessern, sodass sie von noch mehr Menschen täglich genutzt werden kann.

Sebastian Rauer
von Sebastian Anders
Digital Experience Design

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